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„Würzburg“, „Franken“ und „Deutschland“  -  über die Herkunft der Namen 
(zuletzt bearbeitet im Sept. 2012)
 

Hört man die Namen anderer Städte am Main, so ahnt man, welche Bedeutung die Durchquerung des Flusses gehabt haben muss: Schweinfurt, Ochsenfurt, Frankfurt. Diese Reihenfolge ist ganz natürlich. Am Oberlauf kann kurzbeiniges Mastvieh die Furt noch passieren, flußab wird der Wasserstand höher, die Passage bleibt den Zugtieren reserviert. Am Unterlauf aber müssen sogar die Ochsen passen. Nur einer schreitet hier noch unbeschadet durch die Fluten, der langbeinige „Freie“, der „Franke“. Der Wortstamm begegnet uns heute nur noch auf der Post, beim "Freimachen" eines Briefes, beim „Frankieren". 

Doch halt! Es gibt die Franken noch, in „Frankreich“ und in „Franken“, also rundum Paris und rundum Würzburg. Dabei liegen schon geographisch gesehen ein paar hundert Kilometer zwischen der "Grande Nation" im Westen und dem Frankenland im Osten. Sprachlich und kulturell ist die Distanz noch größer. Gibt es einen Zusammenhang zwischen „Frankreich“ und „Franken“?

Beide Bezeichnungen leiten sich vom frühmittelalterlichen „Frankenreich“ ab. Diese Franken waren ein germanischer Stamm, der in der Völkerwanderung von seinem Siedlungsgebiet am Unterrhein südwärts ins römische Gallien zog und im fünften Jahrhundert nach Christus unter Chlodwig dort einen eigenen Staat gründete. Dieser fränkische Staat sollte erfolgreicher werden als andere germanische Gründungen auf dem Boden des ehemaligen Römischen Reichs. Dabei half der Umstand, dass Chlodwig das römische und nicht wie andere Germanen das arianische Christentum übernahm und es ihm auf diese Weise gelang, sein eigenes Volk mit der unterworfenen galloromanischen Bevölkerung zu verschmelzen. Chlodwigs Nachfolger vergrößerten das fränkische Territorium so weit, dass es Ende des achten Jahrhunderts unter Karl dem Großen von den Pyrenäen bis zur Elbe reichte. Gerne wird sein Reich als erste „Europäische Union“ bezeichnet. Der Europäische Karlspreis wird sogar in seiner Hauptstadt Aachen verliehen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dieses Reich kriegerisch erobert war und der Widerstand der neuen Staatsbürger in zähem Dahinschlachten gebrochen werden musste. Legendär ist der Tag von Verden an der Aller, an dem 4500 Sachsen hingerichtet worden sein sollen.

Neben den Aufständen der unterjochten Stämme gab es noch eine weitere Gefahr für die Einheit des Frankenreiches, eine hausgemachte: Das fränkische Erbrecht. Starb ein König, erbten alle Söhne einen Teil des Reiches. Immer fand sich aber ein Sohn, der seine Brüder ausstechen und das Gesamtreich erhalten und erben wollte. Egoismus und Staatsräson gingen da Hand in Hand. Brudermord war Teil des Systems. Kluge Brüder verzichteten rechtzeitig auf ihre Ansprüche, gingen ins Kloster und hatten ihre Ruhe.

Als schließlich die Teilung des Reiches einmal doch unvermeidlich war, bot sich aus geographischen Gründen eine am Rhein orientierte Grenze als Trennungslinie an. Sie ahnen es schon: Hier bilden sich zwei Staaten. Die deutsch-französische Verständigung der letzten Jahrzehnte ist so gesehen eine Familienangelegenheit. Doch im Mittelalter hießen die beiden nach der Teilung entstandenen Staaten noch nicht „Frankreich“ und „Deutschland“ sondern „Westfränkisches Reich“ und „Ostfränkisches Reich“. Das "ostfränkische" verstand sich bald als Nachfolger des römischen Kaiserreichs und nannte sich daher auch "Heiliges Römisches Reich".

Im Westen hatte sich als Konsequenz der Verschmelzungspolitik Chlodwigs die galloromanische Sprache als Verkehrssprache durchgesetzt. Daraus bildete sich das Altfranzösische. Im Osten war Latein nur als Amts- und Gelehrtensprache im Gebrauch. Dort sprach man im Alltag weiterhin in germanischen Dialekten, die althochdeutsch „diutisc“, „dem Volk zugehörig“ genannt wurden. Davon abgeleitet nannte man dieses ostfränkische Reich in der mittelhochdeutschen Sprache die "diutschen lande“ und ab dem fünfzehnten Jahrhundert schließlich „Deutschland“. Seine Einheit war von Beginn an bedroht. Die Schwäche der königlichen Zentralgewalt nutzten die unterjochten Stämme, die Thüringer, Bayern, Sachsen und Schwaben, zur Gründung eigener Stammesherzogtümer. In ihrer Mitte entstand ein eng an das ostfränkische Königtum gebundenes Herzogtum Franken. Es reichte von Mainz im Westen über Würzburg in der Mitte bis in die Gegend um Bamberg im Osten. Aber sind die Würzburger deshalb die letzten Überlebenden des viel gerühmten Frankenstammes, gar die Kinder Karls des Großen? Unsere Ortsnamen geben die Antwort: Orte auf –ingen, wie Kitzingen, waren alemannische Gründungen, Orte auf –itz, wie Segnitz, waren slawisch, Orte auf –leben oder -feld, wie Güntersleben und Sulzfeld, waren thüringisch und nur jene auf –heim und –hausen, wie Teilheim und Sommerhausen, waren Gründungen fränkischer Kolonisten. Der heutige Franke ist also keineswegs ein direkter Nachfahre Karls des Großen. Er hat vielmehr „Migrationshintergrund“ und eine „multi-ethnische Herkunft“. 

Fränkisch kolonisiert aber von verschiedenen Stämmen besiedelt, gewann dieses politische Konstrukt des „Herzogtums Franken“ in der Mitte Deutschlands keine Stabilität. Es zerfiel in zahlreiche Fürstentümer, Grafschaften und Reichsstädte. Diese selbstständigen Staaten übernahmen für ihren geographischen Raum den Namen der ehemaligen Kolonialmacht „Franken“ - einfach nur, weil ihnen nichts anderes gemeinsam war. Der Fränkische Dialekt heutiger Zeit hat deshalb auch wenig mit der Sprache der alten Franken unter Karl dem Großen zu tun. Er ist eine Mischung aus elbgermanischen Grundlagen, durchziehenden Sprachquellen und nachbarschaftlichen Einflüssen. Und er bleibt dennoch ein eigenständiger Dialekt. Die Heimischen sprechen ihn von herzerfrischend frech bis mürrisch kränkelnd  -  womit die Spannweite des würzburgischen Gemüts schon mal grob abgesteckt sei.

Aber woher stammt der Name dieser alten Hauptstadt am Main? Ein Stück flußab von Ochsenfurt gelegen hätte man einen Namen wie Rossfurt erwartet, oder – die Ökonomie der Stadt bedenkend – Weinfurt. Aber nichts von alledem. Offenbar bestimmte die Burganlage über dem Fluss schon von Beginn an jedes Reden über die Stadt. Die Herkunft des Beinamens „Würz“ ist  allerdings unsicher; die Gelehrten streiten sich darüber seit Jahrhunderten. So kann es nicht verwundern, dass manche von ihnen die „Würze“ beim Wort nahmen, ihre Nase ins Grünzeug steckten und bereit zu manchem riskanten Geschmacksversuch den Burgberg hinaufkrochen.

Außer dem Dampf der Geschütze und dem Duft des Bärlauchs brachten diese Expeditionen freilich kein Ergebnis. Aber so leicht wollte man von der Gewürz-Interpretation nicht lassen. Schließlich hatten die Gelehrten im 12. Jahrhundert den Namen der Stadt mit dem schönen Wort "Herbipolis" ("Kräuterstadt") in die Amtssprache übersetzt. Sollte die Würze vielleicht nur in der Vergangenheit hier gewachsen sein? Möglicherweise hatten die Würzburger in vorchristlicher Zeit auf dem Felsen der Festung Marienberg ein Heiligtum der Diana oder der Freya betrieben. Es ist bekannt, dass im Kult dieser Göttinnen Würzkräuter verbrannt wurden - und noch heute wird Maria gern in Weihrauch verehrt. Aber ob diese Kräuter direkt am Berg wuchsen und ihm so seine Würze verliehen, bleibt unklar. Eine andere Interpretation suchte die Würze nicht am Burgberg selbst sondern im südlich gelegenen Leistengrund. Dort könnte ja wilder Hopfen, die Bierwürze, gewachsen sein. Dabei wurde vergessen, dass der Hopfen erst im späten Mittelalter als Bierwürze Bedeutung gewann und Würzburg bis vor dreihundert Jahren keine Brauerei hatte und ganz dem vergorenem Traubensaft verfallen war. 

Werfen wir also einen Blick in die ältesten schriftlichen Quellen. Die erste urkundliche Nennung Würzburgs aus dem Jahr 704 spricht von „castellum virteburch“. Und dieses althochdeutsche „virte“ ist nicht unbedingt mit „Würze“ zu übersetzen. Da klingt auch ein anderes Wort an, der „Wirt“, hier aber noch nicht in der engen Bedeutung unserer Zeit, vielmehr im Sinne von „Landesherr" und "Schutzherr". Und tatsächlich ist diese volkssprachliche Bedeutung des Namens in einer lateinisch geschriebenen Urkunde des neunten Jahrhunderts belegt. Eine „Burg eines Landesherrn“ gab es aber an vielen Orten. Die Bezeichnung klingt allgemein und nicht so charakteristisch, wie wir es für eine Namensbildung erwarten würden. Womöglich erfassen wir mit dieser Interpretation nur eine zeitweilige Bedeutung des Namens und nicht seinen Ursprung. Denn in die Zeit des Althochdeutschen fällt nur die erste schriftliche Erwähnung nicht aber die Gründung Würzburgs. 

Aber wann ist die Stadt denn gegründet worden? Die Historiker nahmen die Urkunde von 704 beim Wort und veranlassten die städtischen Behörden, im Jahr 2004 eine 1300-Jahr-Feier auszurichten. Die Einwohner versammelten sich auf Tribünen an den Mainufern zu Video-Show und Feuerwerk. Derweil rauften sich die Stadt-Archäologen die Haare und präsentierten gegen alle 1300-Jahr-Seligkeit eine Ausstellung mit dem Titel "Dreitausend Jahre Würzburg". Daher rührt die große Verwirrung der Würzburger, fragt man sie nach dem Alter der Stadt.

Archäologisch sind die Anfänge in die späte Urnenfelderzeit (ca. 1000 V. Chr.) zu datieren, als die ersten Kelten auf dem Burgberg eine etwa 1000 Einwohner zählende Siedlung errichteten. Spätestens in der  Hallstattzeit (ca. 700 bis 500  v. Chr.) wurde daraus eine Burg oder gar ein Fürstensitz mit einer Siedlung zu Füßen des Burgbergs. Eine feste Burg, eine „brig(a)“, benannten die Kelten gerne nach einem herausragenden Adeligen. Von Heinz Willner stammt die Idee, dieser Adlige könnte in keltischer Sprache „virtius“ geheißen haben, „der Tapfere“. Aus dem Lateinischen kennen wir das Wort "virtus" für Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit. Die Ähnlichkeit im Klang und in der Bedeutung erklärt sich aus der gemeinsamen indogermanischen Herkunft beider Sprachen. Hieß Würzburg in seinen keltischen Anfängen also „Virtibriga"? Wegen der fehlenden schriftlichen Zeugnisse aus der Frühzeit der Stadt werden wir das nie sicher wissen können. Akzeptieren wir aber diese Spekulation als Antwort auf unsere Frage nach der Herkunft des Namens der Stadt, dann leben wir am Fuße der „Burg des Tapferen". Und das gefällt uns besser, als die "Burg der Bierwürze". 

Die Fürsten haben die zugige Burg aber später verlassen und ein bequemes Stadtschloss bezogen. Inzwischen hat die Zeit auch die Fürsten selber verschlungen. Wohnt heute noch jemand oben auf der Burg? Stephen Jüngling wohnt da, mit Familie. Er ist „Castellan“, also staatlich bestellter Pflegevater des riesigen „castellum virteburch“. Er verwaltet die Anlage, führt tapfer Scharen von Besuchern um die alten Gemäuer und hält im Burgladen Schriften und Andenken bereit.

Autor: Stadtführer und Museumsführer Rudi Held  

Literatur: 
Heinz Willner: Der Name Würzburg, Sonderdruck aus Frankenland, Zeitschrift für Fränkische Landeskunde und Kulturpflege, Heft 2,  Würzburg April 1999. 
Norbert Richard Wolf: Der Name Würzburg, in: Ulrich Wagner (Hg.): Geschichte der Stadt Würzburg, Bd. 1,  Stuttgart 2001, S. 489-490.

 

Stichworte: Name Würzburg, Name Franken, Name Deutschland.

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