Der hlg. Kilian und die Schwägerehe von Gosbert und Gailana 

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In den Legenden um den hlg. Kilian, den Stadtpatron von Würzburg, ist Kilians Versuch, die Ehe des Herzogs Gosbert  aufzulösen, Hintergrund der Ermordung des Heiligen. Gosbert hatte, wie es unter germanischen Adligen üblich war, die Witwe seines Bruders geheiratet. Kilian hielt dies für eine sündige Ehe, riet dem Herzog zur Trennung und fiel daraufhin der Rache der Ehefrau Gailana (Geilana) im Jahr 689 zum Opfer. So berichten es jedenfalls die etwa hundert Jahre später schriftlich niedergelegten Legenden. In meinen Führungen werde ich häufig um genauere Informationen zum damaligen Verbot der Schwägerehe gebeten. Daher will ich die beiden einschlägigen wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema hier kurz zusammenfassen:

Sie sind abgedruckt in den Würzburger Diözesangeschichtsblättern von 1989 (Band 51). Josef Schreiner behandelt dort die alttestamentlichen Hintergründe (s. 233-244), Rudolf Weigand die kirchenrechtlichen Ehe-Bestimmungen Irlands und der römisch-fränkischen Kirche im frühen Mittelalter (S. 245-259). 

Zusammengefasst ergeben sich zwei widersprüchliche Strömungen im alten Testament: Eine aus der nomadischen Zeit (Dtn 25, 5-10), die die Ehe mit der Witwe des verstorbenen Bruders insbesondere bei fehlendem Sohn gebietet und die Forderung aufstellt, den ersten Sohn nach dem verstorbenen Bruder zu benennen ("Leviratshehe", eine Schutzbestimmung für die Erhaltung der erbberechtigten männlichen Nachkommenschaft). Eine zweite Strömung (Lev 18,16) stammt aus der Zeit der Landnahme, die die Schwägerehe verbietet, offenbar um sich von der "Unsittlichkeit" der Kanaaniter abzugrenzen. Auf diese zweite Strömung berufen sich Johannes der Täufer bei der Kritik der Herodes-Ehe und später die Kirche des frühen Mittelalters mit ihren Ehevorschriften. Während sich die Konzile des 5. Jahrhunderts n. Chr. noch überwiegend mit der Durchsetzung der Unauflöslichkeit der Ehe befassen, wenden sich die Konzile der folgenden Jahrhunderte der Auflösung jener Ehen zu, die sie für sündig halten. Dabei wird in vorderer Reihe immer wieder die Schwägerehe genannt. Gemeint ist hier wie in der Kilianslegende die Ehe mit verwitweten Schwagern oder Schwägerinnen, die Ehe mit Geschiedenen scheidet von vornherein aus. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Eheleute durch die Ehe (... ein Fleisch ...) quasi eine Blutsverwandschaft zwischen den verschwägerten Familien herstellen. Das ging im 9.Jahrhundert so weit, dass sogar die Enkel von Verschwägerten nicht heiraten durften. Zur Zeit der Abfassung der Kilianslegenden (etwa um 800) erreichte der Kampf der Kirche gegen die im Volk übliche Schwägerehe seinen Höhepunkt. Das germanische und das römische Recht hatten die Ehe mit verwitweten Schwägerinnen erlaubt, die Sittenvorschriften der Germanen hatten Sie sogar empfohlen, und manche Missionare, wie Clemens, wollten sie auch weiter den germanischen Christen erlauben. Der einflussreichste unter den "Germanenmissionaren" aber, der von Rom beauftragte Angelsachse Bonifatius (ca. 672-755), war nicht nur Gründer des Bistums Würzburg, er war auch einer der schärfsten Kämpfer gegen die Schwägerehe. Er machte die Angelegenheit zu einer zentralen Glaubensfrage. 745 ließ er in Rom eine Synode zum Thema einberufen, die noch einmal alle Verbotsbeschlüsse vorangegangener Konzile bekräftigte und Clemens als "Irrlehrer" verurteilte. Dem Abweichler wurde vorgeworfen, den Christen mit der Erlaubnis zur Schwägerehe das Judentum aufzudrängen. Offenbar wurde die Leviratsehe als "jüdischer" Bestandteil des Alten Testaments angesehen, die Gegenposition als "christlicher" Teil. Das Beispiel Johannes des Täufers spielte bei dieser Differenzierung sicher eine Rolle. 

Für die irischen Wandermönche des 7. Jahrhunderts, die unabhängig von Rom und noch unabhängig von der bonifatianischen Theologie in Mitteleuropa missionierten, ist ein derartiger Kampf gegen die Schwägerehe nicht belegt. So ist es wahrscheinlich, dass jener irische Mönch, dessen Schicksal das historische Vorbild der Kilianslegenden bilden sollte, aus anderen Gründen in Würzburg ums Leben gekommen war, und erst die Autoren der Legenden den Ehekonflikt aus späteren kirchenpolitischen Gründen in seine Biographie einfügten. 

Autor: Stadtführer und Museumsführer Rudi Held (2012) 

 

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